Ø Liebe Gemeinde,

Ø ich habe mir als Predigtgrundlage das Lied gewünscht, das wir gerade gehört und gesungen haben: Mit dir über springe ich Mauern.

Ø Dieses Lied bzw. der zugrundeliegende Psalm 18 begleitet mich seit längerer Zeit. Sieger Köder hat zu diesem Psalm ein wunderbares Bild gemalt. Ein Messdiener, der sich auf einen Kerzenleuchter schwingt als wäre es eine Stange beim Stabhochsprung und über eine Mauer springt.

Ø Dieses Bild hat mir den Psalm immer wieder nahe gebracht und mich begleitet.

Ø Und ich finde dieses Lied passt sehr gut zu meinem Beginn in Waltrop.

Ø Das leitende Ziel meines Dienstes sehe ich darin, den Gott, der meine Kraftquelle ist, der mir hilft, einen neuen Anfang zu machen, in den Mittelpunkt zu stellen.

Ø Er ist – wie es das Lied besingt -  die Wurzel des Glücks, der Lebenstrieb, der uns nie aufgibt.

Ø Ich bin davon überzeugt, dass die entscheidende Grundlage aller Aktivitäten einer Pfarrei ist, diesen Gott, der die Wurzel des Glücks ist, in den Mittelpunkt zu stellen und zu versuchen, durch unser gemeinsamen Tun in den verschiedenen Bereichen, durch die Feier der Gottesdienste und durch unser Leben deutlich zu machen, dass Gott das Leben bereichern und glücklich machen kann.

Ø Ich persönlich entdecke immer wieder solche Momente des Glücks, die Gott schenkt.

Ø Eine wesentliche Erfahrungsquelle ist für mich die Schöpfung. Wenn ich mit meinem Hund den normalerweise in der Mittagspause liegenden längeren Spaziergang mache, genieße ich die Natur, sie ist letztlich jeden Tag auf neue Weise wunderbar. Das Singen der Vögel, das Grün der Bäume, blühende Blumen, Wasserflächen wie der Kanal. Am schönsten ist es natürlich in der Sonne, die einen wärmt, die den Körper dazu bringt, Endorphine auszuschütten und so zu einer guten Stimmung beiträgt. Aber auch der Regen hat seinen Reiz, wenn zu spüren ist, wie rissige und trockene Erde mit neuem Leben erfüllt wird. Die Natur als Ort der Erfahrung Gottes, als Wurzel des Glücks.

Ø Die wohl wichtigste Erfahrungsquelle für Glück sind Beziehungen und Begegnungen. Wie anders ist selbst ein grauer Tag, wenn ein Mensch uns freundlich zulächelt. Gott als Wurzel des Glücks ist für mich in einem solchen Lächeln erfahrbar. Und wenn schon ein Lächeln so bezaubernd sein kann, wie viel mehr sind es gute Bekannte und gar gute Freunde. Begegnung, Beziehung, als Orte der Erfahrung Gottes.

Ø In dem Lied heißt es weiter: Mit dir erwarte ich einen Anfang, mit dir mache ich mich auf den Weg, du bist im alten Trott mein Neubeginn.

Ø Voller Erwartung und Freude habe ich mich auf den Weg nach Waltrop gemacht und lasse dabei Vertrautes, Gewohntes und Liebgewordenes zurück.

Ø Hermann Hesse dichtete:
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Ø Und wenn einmal der Zauber des Anfangs verblasst, dann ist es gut, sich in Erinnerung zu rufen, dass Gott immer der Neubeginn ist, dass er einlädt, neue Wege zu gehen, um Menschen von ihm zu erzählen, um Menschen in seine Nähe zu führen.

Ø Es ist für mich schön und spannend zugleich, gerade in unserer Zeit als Seelsorger arbeiten zu können.

Ø Einerseits ist natürlich festzustellen, dass kirchliches Leben abnimmt, dass die Kirchen nicht unbedingt voller werden, dass manches nicht mehr so funktioniert wie vor einigen Jahren.

Ø Andererseits aber ergeben sich Chancen, Neues auszuprobieren. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft Gott dringend braucht:

Ø Als Leerstelle, damit nicht alles und schon gar nicht der Mensch völlig verzweckt werden.

Ø Als Erinnerer daran, dass es mehr gibt, als man sehen und kaufen kann.

Ø Als Stachel, damit uns bewusst bleibt, dass diese Erde nicht nur uns gehört, sondern wir Verantwortung für die Menschen nach uns haben.

Ø Als Werbender für die Bergpredigt, andere Menschen nicht als Konkurrenz oder gar Gegner anzusehen, sondern immer neu zu versuchen, sie zu verstehen und anzunehmen.

Ø Das Lied ermutigt mich, immer neu nach Wegen zu suchen, wie Gott heute verkündigt werden kann. Und ich bin zuversichtlich, dass wir gemeinsam im Laufe der nächsten Jahre viele solche Wege finden werden.
Bei der Priesterweihe eines jungen Menschen, der aus Holsterhausen stammte, zitierte der Regens beim Abendessen einen Kollegen aus den USA: It is a great time to become a priest. Es ist großartig gerade jetzt Priester zu werden. Und ich glaube, es ist großartig und chancenreich gerade heute als Pfarrer und Seelsorger zu wirken.

Ø Bei all dem dürfen wir uns gemeinsam darauf verlassen, dass es Gott selber ist, der uns hilft, Mauern zu überspringen.

Ø Aller Optimismus darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Leben - wie man so schön sagt - kein Ponyhof oder kein Wunschkonzert ist.

Ø Da tut es gut sich ins Gedächtnis zu rufen, dass Gott im Untergang das Rettungsboot ist, dass er der letzte Halt ist. Und ich wünsche uns allen, dass wir dies immer wieder erfahren können, im Leben der Pfarrei und im persönlichen Leben und dass wir diese Erfahrung weitergeben können.

Ø Gott ist derjenige, der uns Hoffnung auf ein Leben in Fülle schenkt, hier auf dieser Erde und auch darüber hinaus. Wir dürfen darauf hoffen – so haben wir in der Lesung gehört – dass wir für immer mit Jesus leben werden.

Ø Zudem singt das Lied davon, dass Gott der Sinn ist, der heilt. Es wird – das lehrt uns das Leben – nicht ausbleiben, dass es mal zu Missverständnissen oder Konflikten kommen kann. Und da ist es gut dran zu denken, dass Gott derjenige ist, der die Wunden heilt, die im Gemeindeleben vorkommen können, da wir bei allem christlichen Bemühen doch immer auch recht mittelmäßige Menschen sind.

Ø Und manchmal wird es auch notwendig sein, gegen den Strom zu schwimmen. Nicht immer ist das, was man schon immer gemacht hat, was gut oder auch vermeintlich gut ankommt, das wirklich Sinnvolle.

Ø Zudem mutet uns Jesus auch ganz schön was zu,  bspw. im heutigen Evangelium:

Ø Da war die Rede davon, die Eltern oder Kinder nicht zu sehr zu lieben und die Bereitschaft zu haben, das Leben zu verlieren, um es zu gewinnen.

Ø Ich denke, dass es Jesus mit diesen rätselhaften Sätzen nicht darum geht, Eltern gering zu achten, Kinder nicht zu lieben oder sich um das Leben hier auf Erden nicht zu mühen. Es geht ihm vielmehr um das rechte Maß. Denn alle Extreme sind letztlich von Übel. Die goldene Mitte zu treffen, das Gleichgewicht zu halten, das mittlere Maß zu finden, darauf kommt es an.

Ø So braucht das Gemeindeleben den ehrenamtlichen Einsatz. Ohne diesen Einsatz kann Gemeinde nicht leben. Wer aber nur ehrenamtlich unterwegs ist und sich jede Nacht mit Sitzungen um die Ohren schlägt, wer vor lauter Einsatz für andere die eigene Familie vernachlässigt, dem fehlt das richtige Maß.

Ø Bei aller Begeisterung, mit Gott Mauern überspringen zu können, bedarf es immer auch des rechten Augenmaßes, damit keiner überfordert wird. Sowohl die Hauptamtlichen als auch die Ehrenamtlichen dürfen weder von anderen überfordert werden noch sich selbst überfordern. Genauso bedarf es immer eines Mittelmaßes zwischen der Suche nach neuen Wegen in der Pastoral und der Pflege liebgewonnener Traditionen.

Ø Und das wünsche ich uns in der gemeinsamen Arbeit, dass wir gemeinsam mit Gott Mauern überspringen, neue Anfänge wagen, uns mit ihm immer neu auf den Weg machen, gemeinsam dazu beitragen, dass der Glaube in der heutigen Zeit, hier an diesem Ort, wichtig bleibt und Menschen begeistert und das wir zugleich das Augenmaß für unsere eigenen Grenzen und die Grenzen unserer Mitchristen bewahren.

Ø Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit den Ehren- und Hauptamtlichen in St. Peter, auf die gemeinsame Suche danach, wie wir mit Gott Mauern überspringen können, aber auch auf den Realismus, wann es klüger ist, nicht zu springen. Ich freue mich auf Sie hier in Waltrop. Amen.