Waltrop - 31.10.2017

 Reformationstag

 

 

Predigt:

Ø Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,

Ø ich freue mich sehr darüber, dass ich eingeladen worden bin, heute am Reformationstag bei Ihnen zu predigen.

Ø Das Wort Reformationstag deutet für mich vor allem darauf hin, dass es damals zur Zeit Luthers an der Kirche etwas zu reformieren gab.

Ø Die Kirche ist damals einen Weg gegangen, der sie – so scheint mir – vom Ursprung in Jesus entfernte. Luther wollte diese Kirche reformieren, damit sie ihrem Ursprung in Jesus wieder näher kommt.

Ø Aus meinem Studium ist mir ein Satz immer wieder wichtig geworden: Ecclesia semper reformanda. Die Kirche muss sich immer wieder erneuern, reformieren lassen, um ihrem Ursprung treu zu bleiben.

Ø Das galt für die Zeit Martin Luthers, das gilt auch für unsere Zeit.

Ø In ökumenischer Hinsicht finde ich es immer wieder bemerkenswert, dass wir mit der Taufe in die Kirche Jesu Christi aufgenommen werden. Wenn sich jemand entschließt, eine andere sichtbare Form dieser Kirche Jesu Christi zu wählen, also zu konvertieren, wird er nicht neu getauft. Die Taufe verbindet alle Christinnen und Christen und gliedert sie ein in die Kirche Jesu Christi, die sich heute in verschiedenen verfassten Kirchen manifestiert.

Ø Insofern ist natürlich nicht die Kirche Jesu Christi zu reformieren, sondern ihre Erscheinungsformen müssen sich erneuern und zusammenfinden, um der Kirche Jesu Christi, der Kirche wie sie Jesus gewollt hat, immer näher zu kommen.


Ø Auch seinem ausdrücklichen Wunsch, dass wir eins sind. So heißt es ja bei Joh 17,21: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“

Ø Im Folgenden möchte ich gerne ein paar Gedankensplitter vortragen, was das „Ecclesia semper reformanda. Die Kirche muss sich immer wieder erneuern, reformieren lassen“ heute für uns bedeuten kann.

Ø Ein wesentlicher Ausgangspunkt von Martin Luther liegt, so scheint mir, im Verhältnis von Gott und Mensch.

Ø Luther hatte oft Angst vor Gott, er meinte sich selber rechtfertigen zu müssen, sich anstrengen zu müssen, um vor Gott bestehen zu können.

Ø Sein neues Verständnis von ‚justitia Dei‘, Gerechtigkeit Gottes, ist das entscheidende, das die Wende markiert. Es geht nicht darum, dass die Gerechtigkeit Gottes uns niederdrückt, sondern dass Gott gerecht macht. Wir Menschen können uns nicht gerecht machen. Wir sind auf die Gnade Gottes angewiesen. Wir können uns den Himmel nicht verdienen.

Ø Die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre des Lutherischen Weltbundes und der Katholischen Kirche vom 31.10.1999, die 2006 auch die Methodisten und im Juli dieses Jahres die Weltgemeinschaft der reformierten Kirchen unterzeichneten, verdeutlicht, dass uns die Rechtfertigungslehre nicht voneinander trennt. Die Rechtfertigungslehre ist nicht mehr kirchenspaltend.

Ø Und doch scheint mir, dass es noch ein weiter Weg ist, bis die Rechtfertigungslehre wirklich als Gestaltungsprinzip des kirchlichen Lebens, des gesellschaftlichen Lebens und des individuellen Lebens fungiert.

Ø Ich möchte dies gerne an einem Beispiel verdeutlichen. 1999 habe ich einige Monate in den neuen Bundesländern gelebt und mich hat die Begegnung mit den Menschen dort, für die Gott gar keine Rolle spielte, geprägt.

Ø Es gab lange und intensive Gespräche mit Freunden, die mich immer wieder fragten, warum ich denn glaube, dass es Gott gibt.

Ø Und meine wichtigste Argumentation war, dass ich spüre, dass mein Leben ein Geschenk ist, dass ich das Leben nicht mir selber verdanke.

Ø Dem wurde insofern zugestimmt, als allen klar war, dass die Eltern am Anfang des Lebens standen.

Ø Und ich bekräftigte, dass uns das Leben von unseren Eltern geschenkt wurde. Nicht unser eigener Entschluss stand am Anfang unseres Lebens. Zugleich versuchte ich meine Überzeugung deutlich zu machen, dass wir das meiste in unserem Leben nicht machen können, sondern dass uns das wirklich Wichtige nur geschenkt werden kann.

Ø Wenn es mir schlecht geht und ich Hilfe brauche, dann ist diese Hilfe oft ein Geschenk anderer Menschen an mich, die ich nicht machen kann.

Ø Es ist ein Geschenk, wenn ein lieber Mensch mich einfach anruft und mir sagt, dass er an mich denkt.

Ø Es ist ein Geschenk, das Freunde mich auffangen, wenn ich es dringend brauche.

Ø Dass Freunde mich trösten, mir gut tun. Das ist ein Geschenk.

Ø All das kann ich nicht machen. Das wird mir geschenkt.

Ø Das gilt – so argumentierte ich weiter - auch für den beruflichen Alltag.

Ø Ich lebe davon, dass Menschen mitmachen, sich anstecken lassen. Das kann ich nicht machen.

Ø Ich lebe davon, dass mir Menschen geschenkt werden, die sich in den verschiedenen Positionen der Pfarrei – ehrenamtlich oder hauptamtlich – engagieren. Dieses Engagement kann ich auch nicht machen. Ich kann natürlich bei Mitarbeitern kontrollieren, ob sie ihre Arbeit tun, aber ob sie wirklich mit dem Herzen dabei sind, das ist ein Geschenk.

Ø Die Antwort meiner atheistischen Gesprächspartner auf meine Gedanken machte mich sehr nachdenklich. Sie sagten nämlich.

Ø Dass uns Freunde helfen, wenn es uns schlecht geht, dafür müssen wir im Vorhinein sorgen. Wir müssen uns ein Netz aufbauen, das uns trägt.

Ø Und es liegt letztlich an uns, ob wir in guten Zeiten ein solches Netz aufgebaut habe. Es liegt in unserer Hand.

Ø Und dass unsere Mitarbeiter effektiv arbeiten, dafür sorgen wir durch Arbeitsanweisungen und durch ein gutes Gespür bei Einstellungen.

Ø Letztlich haben wir es in der Hand, wie unsere Abteilung funktioniert, wir haben es in der Hand, ob uns in Krisenzeiten ein Freundeskreis auffängt. Da müssen wir eben vorarbeiten und im Vorhinein sorgen.

Ø An diesem Punkt kamen wir nie weiter. Und ich denke, sie haben natürlich auch Recht.

Ø Ich kann eine ganze Menge tun und ich muss meinen Freundeskreis pflegen, allzu schnell können Freundschaften sich sonst verlaufen.

Ø Aber dass es wirkliche Freundschaften bleiben - daran halte ich fest - das ist ein Geschenk.

Ø Die Position meiner Gesprächspartner aus den neuen Bundesländern scheint mir ein wenig die Position von Martin Luther vor seinem Bekehrungserlebnis zu sein. Er dachte, er müsste alles tun, um vor Gott zu bestehen. Im letzten – so können wir vielleicht heute moderner formulieren – steht dahinter der Anspruch, sich selbst erlösen zu müssen.

Ø Luther erkannte, dass dies nicht geht: Sola gratia, nur die Gnade macht gerecht. Letztlich ist alles ein Geschenk, zu dem ich beitragen kann und auch muss, das ich aber nicht machen kann. Letztlich ist Gott derjenige, der mir alles schenkt und ermöglicht, auch durch andere Menschen.

Ø Ecclesia semper reformanda. Die Kirche muss sich immer wieder erneuern, reformieren lassen, um ihrem Ursprung treu zu bleiben. Könnte das nicht bedeuten, dass wir diese Gnade, das Geschenk Gottes mehr entdecken müssten?

Ø In den Kirchen versuchen wir viele Probleme durch Papiere und durch Strukturreformen zu lösen. Und zwar sie selber zu lösen, die Fäden dabei in der Hand zu halten.

Ø Wir spüren aber dennoch, dass wir diese Lösung nicht machen können. Strukturreformen helfen – wenn überhaupt – nur begrenzt. Irgendwelche Synodenpapiere oder Enzykliken können Anstöße sein, aber sie machen nicht eine lebendige Kirche. Dies muss uns geschenkt werden.

Ø Wir können uns im Leben noch so sehr anstrengen, noch so viel tun, den Erfolg unserer Bemühungen können wir nicht machen.

Ø Insofern bedeutet dieses „Ecclesia semper reformanda. Die Kirche muss sich immer wieder erneuern, reformieren lassen, um ihrem Ursprung treu zu bleiben“ heute immer noch, als erstes auf Gott zu vertrauen, auf seine Gnade, auf seine Zuwendung, die er uns schenkt. Das gilt für die Kirche.

Ø Zugleich aber scheint es mir ein wichtiger Dienst an unserer Gesellschaft zu sein, sie zu ermutigen und sie anzufragen, ob sie sich selbst erlösen möchte oder ob sie nicht auch eine societas semper reformanda sein muss, eine Gesellschaft, die sich immer wieder reformieren lassen muss. Und Reformation, Veränderung im Sinne Martin Luthers und im Sinne Jesu bedeutet, zu sehen und zu akzeptieren, dass nicht alles in unserer Hand liegt, sondern dass vieles Geschenk ist.

Ø Für uns als gläubige Menschen bedeutet dies, auf die Gnade Gottes zu vertrauen, auf das Geschenk seiner Zuwendung, auf sein Mitgehen, auf sein ‚Ich bin da in eurem Leben‘.

Ø Insofern scheint mir, kann das Reformationsjubiläum uns in mindestens drei Punkten heute zu Veränderungen, Reformierungen aufrufen.

Ø Erstens

Ø Als Kirchen nicht auf uns selber zu vertrauen, auf die Kreativität unserer Strukturreformen, auf unsere Pastoralpläne oder pastoraltheologischen Bemühungen.

Ø Wir müssen auf die Gnade Gottes vertrauen, darauf dass er uns seine Führung schenkt und seine Nähe.

Ø Christen sind keine Macher, sondern Hörende auf Gott.

Ø Ecclesia semper reformanda führt mich in diesem Zusammenhang immer wieder zu dem großen evangelischen Pastoraltheologen Manfred Josuttis. Dieser sagte einmal sinngemäß: Menschen, die andere zum Geheimnis Gottes führen möchten, müssen selber immer wieder neu Erfahrungen mit diesem Geheimnis machen. Ecclesia semper reformanda meint dann, zutiefst eine geistliche Kirche zu werden, die auf Gott und nicht auf die eigene Kraft vertraut.

Ø Ein zweites

Ø Es ist für unser persönliches Leben wichtig, es ernst zu nehmen, dass nicht wir alles in der Hand haben, machen können, sondern dass wir darauf angewiesen sind, dass uns das Wesentliche des Lebens, dass uns Liebe, Hilfe, Zuneigung nur geschenkt werden können.

Ø Wir können unser Leben nicht machen, sondern müssen innerlich bejahen, dass erst durch das Geschenk von Mitmenschen und von Gott ein erfülltes Leben möglich ist.

Ø Es geht also darum, als erneuerte, reformierte Menschen zu leben, als homines semper reformandi.

Ø Und ein drittes

Ø Auch unsere Gesellschaft muss als erneuerte, als reformierte Gemeinschaft leben, als societas semper reformanda.

Ø Das scheint mir vor allem zu bedeuten, vom Machbarkeitswahn Abstand zu nehmen; zu realisieren, dass wir nicht alles machen können in dieser Welt, sondern dass vieles uns geschenkt wird, durch das Engagement von Menschen der Gesellschaft, letztlich durch Gott.

Ø Insofern scheint mir der Reformationstag dann richtig gefeiert zu werden, wenn er nicht eine nette Erinnerung bleibt an das, was Luther erfahren und angestoßen hat, sondern dass er eine - um es mit den Worten des bekannten politischen katholischen Theologen Johann Baptist Metz zu sagen - gefährliche Erinnerung daran bleibt, dass wir uns immer ändern müssen, reformbereit sein müssen, vor allem in der Hinsicht, dass wir uns nicht zu wichtig nehmen, sondern sehen, wie vieles einfach ein Geschenk ist, von Menschen und letztlich von Gott.

Ø Bleiben wir uns heute an diesem Reformationstag und immer bewusst, dass Reformation, Änderung immer nötig ist, für die Kirche, für unser persönliches Leben, für die Gesellschaft.

Ø Änderung im Sinne Martin Luthers: Wir können nicht alles machen, wir können nicht die Kirche, nicht uns selber und auch nicht die Gesellschaft erlösen, wir sind im letzten auf Gott verwiesen, auf seine Gnade, auf sein Mitgehen. Amen.