Kritische Nachdenklichkeit


Kritische Nachdenklichkeit
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Bonifatius, 01.02.2013, 18.00 Uhr

Andacht für den Lions Club

Kritische Nachdenklichkeit

 

 

Lied: # 158, 1.3 ‚Lobpreiset all zu dieser Zeit’

Liturgische Eröffnung:

Ø     Im Namen des Vaters..

Ø     Der Herr, der uns einlädt, bewusst zu leben, er sei mit euch!

Einleitung:

Ø     Liebe Mitglieder des Lionsclub, liebe Gottesdienstgemeinde,

Ø     ich freue mich sehr darüber, dass wir heute gemeinsam Gottesdienst hier in der Bonifatiuskirche feiern.

Ø     Auch wenn wir schon 1. Februar habe, steht diese Andacht ja eigentlich traditionell am Anfang des Jahres.

Ø     Und da ja der größte Teil des Jahres noch vor uns liegt, macht es m. E. auch noch Sinn, sich Gedanken zu den Herausforderungen des neuen Jahres zumachen.

Ø     Dazu möchte ich mit einer kleinen Geschichte einsteigen.

 

Jeder hat es verspürt: genau in diesem Augenblick - denn das war so außergewöhnlich, dass der Atem für Sekunden stockte, auch wenn der Mann am Flügel weiterspielte wie es die Noten von Beethoven vorsehen …

auch wenn der Kellner weiter notierte: einen Scotch für die Dame, einen Kaffee für den Herrn und für Sie bitte? …

Schlimmes war jedoch nicht zu befürchten, dafür waren die technischen Daten einfach zu gut.

 

 

Selbst die Nachricht, dass ein Eisberg gerammt wurde, dass ein Leck geschlagen sei und Wasser irgendwo in den Rumpf eindringt, erzeugte kein Entsetzen, nur eine hochgezogene Augenbraue, schließlich galt dieser Luxusliner Titanic als unsinkbar.

Und genau wegen dieser Fehleinschätzung hatte das Schiff von nun an gegen den Tod zu kämpfen. (Idee der Titanic der Ideenwerkstatt Gottesdienst entnommen)

 

Ø     Vielleicht denken Sie ähnlich wie ich. Wie kann man so borniert sein, so selbstsicher, so unangemessen in der Lage reagieren? Wie kann man so sehr auf etwas vertrauen, was anscheinend doch nicht trägt?

Ø     Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Zweifel kamen mir, sowohl persönlich als auch eher global, politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich  gesehen. Handeln wir nicht bisweilen ähnlich und ziehen nur eine Augenbraue hoch?

Ø     Z.B. im persönlichen Leben. Ich weiß, dass ich etwas ändern sollte? Mehr Zeit für private Dinge nehmen, an Eigenschaften arbeiten, die andere nerven, mir mal Zeit für mich selber zu nehmen, meine Zeit zu nutzen.

Ø     Mich hat da ein Lied von Gilbert Becaud sehr nachdenklich gestimmt, dass ich zwar auch in der Sylvesterpredigt verwandt habe, aber das so schön ist, dass man es auch ein zweites Mal hören kann, wenn man es auch schon vielleicht hier Sylvester gehört hat. Wir hören erst das Lied und halten dann eine kurze Zeit der Stille.

Lied von CD: Gilbert Becaud ‚Nimm dir Zeit’


 

Impuls zur globalen Lage:

Ø     Seit längerer Zeiten beschäftigen mich einige Gedanken, die von Alex Lefrank, einem renommierten, mittlerweile über 80jährigen Jesuiten stammen.

Ø     Er macht sich in einem seiner Bücher (In der Welt – Nicht von der Welt) Gedanken, ob die biblischen Bücher, die mit dem Ende der Zeit oder dem Weltuntergang zu tun haben, noch zeitgemäß sind. In diesem Zusammenhang erstellt er eine – wie ich finde – sehr treffende Zeitanalyse, die ich gerne kurz skizzieren möchte.

Ø     Zunächst beobachtet er, wie die beiden totalitären Systeme des Nationalsozialismus und des Kommunismus agierten.  Die Menschen ließen sich bspw. durch das Nazi-System verführen, weil es einen wirtschaftlichen Aufschwung, Beseitigung der Arbeitslosigkeit und eine Wiedergewinnung nationaler Selbstachtung versprach. Das wurde als große Errungenschaft empfunden. So erlebten viele das System - zumindest eine Zeitlang – nicht als negativ. Sie begrüßten es und machten mit. Als die Verführung dann in Bedrohung überging, das System immer mehr Angst verbreitete, war es zu spät, die Entwicklung zu beeinflussen. Jetzt brauchte es heroischen Mut, sich dem System entgegenzustellen und die Mittäterschaft aufzugeben, da dieses System mit Gewalt alles beherrschte.

Ø     Lefrank beobachtet also einen Dreischritt: Verführung, Angst und Gewalt. Und ähnliche Tendenzen stellt er auch heute bei uns fest.

Ø     Die Verführung  sieht er in dem wachsenden Wohlstand, der über Jahrzehnte dauerte und vielen Teilen der Bevölkerung ein immer angenehmeres Leben ermöglichte. Durch diesen Erfolg konnte sich die Idee des Wirtschaftswachstums als herrschende Ideologie etablieren. Sie ist zum unhinterfragten Ziel politischen Handelns geworden.

Ø     Um dieses Zieles willen muss man wettbewerbsfähig bleiben bzw. immer mehr werden. Denn der Wettbewerb wird härter, weil der Markt enger wird.

Ø     Immer mehr Lebensbereiche werden wirtschaftlicher Logik unterworfen: Nicht mehr nur das produzierende Gewerbe, auch Freizeit, Gesundheit und Sport, ja sogar Bildung und Erziehung, Wissenschaft und Forschung werden von ökonomischen Gesichtspunkten gesteuert.

Ø     Gebannt schauen alle auf die Konjunkturdaten. Anzeichen einer Rezession versetzen die Menschen in Angst, und das mit Grund: Denn Rezession bedeutet Arbeitsplatzverlust und damit Armut. Das Tempo steigert sich. weil die Gleichung gilt: Zeit ist Geld.

Ø     Immer mehr Menschen sind den Anforderungen des Systems nicht mehr gewachsen. Es definiert den Menschen als Leistungsträger und als Konsumenten. Wer zu beidem nicht taugt, wird einstweilen noch kärglich versorgt; seine Entsorgung am Lebensanfang und am Lebensende hat schon begonnen.

Ø     Der dritte Schritt, die Gewalt, ist für alle als wirtschaftliche Bedrohung spürbar: Arbeitsplatz- und Einkommensverlust.

Ø     Noch bemüht sich die politische Autorität, die Entwicklung sozial-verträglich zu halten. Aber die Regierungen laufen der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher. Das System ist zum Selbstläufer geworden. Und das Schwierige bzw. Fatale ist eigentlich – anders als beim Naziregime und seinem ‚Führer’ – dass kein wirklich Verantwortlicher auszumachen ist, die eigentlichen Machtträger bleiben anonym.

Ø     Zudem scheinen die Gesetzmäßigkeiten, nach denen es funktioniert, undurchschaubar. Aber die Wirkung für die Menschen ist ähnlich: Sie finden sich dem Zwang unterworfen, mitzumachen, wenn sie nicht verlieren wollen.

Ø     Ein wesentliches Charakteristikum unserer Zeit besteht darin, dass man die Gegenwart aus der Zukunft finanziert. In begrenztem Maß ist das sinnvoll. Es hat uns gute Versorgung und Wohlstand gebracht. Aber es wurde kein Maß gefunden.

Ø     Inzwischen ist System zu einem globalen System geworden, das weite Teile der Welt aufgesogen hat, ob diese wollen oder nicht.

Ø     Weil der Gewinn durch Produktion und Verkauf nicht mehr groß genug ist, hat sich das Geschäft immer mehr in den Himmel der Finanzspekulationen auf zukünftige Entwicklungen verlagert und die Bodenhaftung an realen, berechenbaren Wirtschaftsdaten verloren.

Ø     Auch die Politik ist in diesen Sog geraten. Um die Bürger zufriedenzustellen, wurden in den öffentlichen Haushalten Schuldenberge aufgetürmt, die ins Unermessliche gewachsen sind. Man hatte sich ja daran gewöhnt, die katastrophalen Zukunftsfolgen dieser Art Wirtschaftens (Umweltzerstörung, Ausbeutung der Ressourcen, Neokolonialismus wirtschaftlicher Art, weltweit wachsende Armut, zunehmendes soziales Ungleichgewicht) auszublenden nach dem Motto: Nach uns die Sintflut.

Ø     Solange dieses System funktioniert, verspricht es dem Einzelnen das Paradies auf Erden, und zwar sofort. Warum also nach einem tieferen Sinn suchen, wenn die Wünsche, die man hat, hier und jetzt befriedigt werden können? Wenn der Fortschritt der Wissenschaft, vor allem der Medizin, die Verheißung gibt, dass wir mit Krankheit und unerwünschten Begleiterscheinungen immer besser fertig werden?

Ø     Auftretende Krisen werden als vorübergehend bezeichnet. So werden grundsätzliche Fragen an den Sinn des Systems vermieden. Es vermittelt ja den Eindruck, dass es ewig weiterbesteht. Das Vertrauen in das System ist eine der Bedingungen, dass es funktioniert. Es darf nicht erschüttert werden. So lebt es vom Glauben an sich.

Ø     Sicherlich ist dies eine vereinfachende Analyse, sie bringt aber einige dominierende Linien zum Vorschein. Das Unbehagen an der Entwicklung ist inzwischen auch gewachsen. Veränderungen erscheinen notwendig. Aber niemand scheint im Stande zu sein, sie herbeizuführen.

Ø     Zu komplex ist das System, zu vielfältig seine Probleme, zu divergierend die Meinungen und zu ohnmächtig die politisch Verantwortlichen. Also läuft alles weiter. Man ahnt immer mehr, dass der Karren auf einen Abgrund zurollt. Die Finanzkrise 2008/2009 hat uns in diesen Abgrund schauen lassen. Fachleute sagen, dass sie längst noch nicht bewältigt ist. So kippt der Optimismus, der das System lange Zeit getragen hat, allmählich in eine pessimistische Stimmung.

Ø     Alex Lefrank Schreibt dazu wörtlich: „Ich kann mich erinnern: Auch gegen Ende des Nazisystems war das so. Obwohl offensichtlich war, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, machte man weiter. Die Maschinerie hatte keine Bremsvorrichtung. Nachdem der 20. Juli gescheitert war, blieb nur das bittere Ende.“

 

Ø     Sie fragen sich vermutlich, warum ich das erzähle.
à

Ø     Nicht weil ich sofort unser ganzes System in Frage stellen möchte, nicht weil ich uns das Wohlergehen vermiesen möchte, nicht weil ich jetzt eine pauschale Kritik an den Verantwortungsträgern üben möchte, sondern weil mich diese Analyse sehr nachdenklich gemacht hat und sie einen Teil meiner Sorgen zum Ausdruck bringt.

Ø     Worauf beruht unser Zusammensein in Zukunft, wenn christliche Werte und christlicher Glaubensvollzug immer mehr ins Hintertreffen gerät und Christen deshalb als Gesprächspartner von anderen religiösen Gruppen kritisch beäugt werden.

Ø     Warum praktizieren sie nicht öffentlich?

Ø     Wäre eine sprechende Geste wie damals der gemeinsame Gottesdienstbesuch von de Gaulle und Adenauer noch möglich und würde er verstanden?

Ø     Ich bin kein Wirtschaftsexperte, aber die immer steigende Verschuldung macht mir schon Sorgen, auch bei uns in Deutschland? Kann es so weitergehen, Steuern erhöhen, Schulden machen, aber nicht sparen. Würde ich persönlich so handeln, käme der Gerichtsvollzieher.

Ø     Ich bin auch kein Geologe und Experte für Natur-Ressourcen, aber können wir wirklich unsere Lebensstandart, unsere Mobilität, unsere Reisemöglichkeiten etc. erhalten? Und wenn nicht, was bedeutet das gesellschaftlich?

Ø     Ich finde ein neues Jahr, gerade ein durch Wahlen gekennzeichnetes Jahr, ist eine Herausforderung und lädt zum Nachdenken ein.


 

Ø     Und ich denke, da sind gerade viele von uns hier gefordert, die über gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Macht verfügen. Und Macht bedeutet doch zunächst wörtlich: Etwas machen können.

Ø     Ich lade Sie ein, dass wir uns nun bei etwas meditativer Musik uns Zeit nehmen, nachzudenken.

Meditative Orgelmusik:

 

 

 

 

Überleitung zur Meditation:

Neben den Glasfenstern ist für mich unser Kreuz über dem Altar das beeindruckendste in der Bonifatiuskirche.

Es ist ein Kreuz, dass einladend wirkt und Hoffnung schenkt.

Zu diesem Kreuz möchte ich Ihnen gerne eine Meditation von mir vortragen, die von leiser Orgelmusik untermal wird.

Meditation: untermalt von leiser Orgelmusik

Immer wieder spüre ich,

wie mein Leben zwischen zwei Polen verläuft.

Momente tiefen Glücks werden immer wieder von Traurigkeit und Angst abgelöst.

Es gibt Tage, da fällt es mir leicht, an die Auferstehung und das ewige Leben zu glauben.

Es gibt Tage, da zweifel ich an allem.

 

Jesus breitet einladend seine Arme am Kreuz aus.

ER lädt mich ein, zu IHM zu kommen.

Es tut mir gut, dass ich mich bei IHM willkommen fühle.

ER möchte, dass ich so zu IHM komme, wie ich gerade bin.

Mit all meinen frohen und traurigen Gefühlen bin ich IHM willkommen.

 

SEINE Einladung stärkt mich.

ER schenkt mir, was ich brauche, Brot und Wein.

ER schenkt mir das Lebensnotwendige und die Freude.

Mit IHM kann ich alles überwinden, was nach Tod mitten im Leben schmeckt.

Mit IHM wird es leichter, mit all dem zu leben, was mich ängstigt, bedrückt, ärgert.

 

Die Taube über SEINEM Kopf hält in mir die Sehnsucht nach Frieden wach.

Sie ermutigt mich, Frieden zu suchen und zu stiften.

Zugleich steht die Taube für den Heiligen Geist, der von IHM und seinem Vater ausgeht.

Es ist der Geist des Beistands, der mir in aller Mühsal Stärke verleiht.

Es ist der Geist der Freude, die mir hilft, das Gute zu sehen.

 

Mit seinen beiden ausgebreiteten Armen weist ER auf das himmlische Jerusalem hin.

Jesus lädt mich ein, den himmlischen Augenblicken in meinem Leben zu trauen.

ER verspricht die Erfüllung aller himmlischen Augenblicke im himmlischen Jerusalem.

ER verspricht, dass es eine Zeit geben wird, wo alles neu wird:


Er wird alle Tränen von meinen Augen abwischen:

Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.

Nur Leben in Fülle.

Lied: # 846, 1.2 ‚Von guten Mächten’

Vater unser:

Gebet:

Guter Gott, du schenkst uns deine Gegenwart in dieser Feier.  Bleibe bei uns mit deinem Segen, wenn wir unserem Alltag gestalten müssen und uns unsere Verantwortung bisweilen drückt. Darum bitten wir durch Chri­stus, unseren Bruder und Herrn.

Segenswunsch:

Ø     Nicht, dass von jedem Leid verschont Du mögest bleiben,

Ø     noch, dass dein künft'ger Weg stets Rosen für Dich trage
und keine bittere Träne über Deine Wangen komme
dies alles, nein, das wünsche ich Dir nicht!

Ø     Mein Wunsch für Dich ist vielmehr dieser:
Dass dankbar Du und allezeit bewahrst in Deinem Herzen
die kostbare Erinnerung der guten Ding' in Deinem Leben;

Ø     Dass mutig Du stehst in Deiner Prüfung,
wenn hart das Kreuz auf Deinen Schultern liegt
und wenn der Gipfel, den es zu ersteigen gilt,
ja selbst das Licht der Hoffnung zu entschwinden droht;

Ø     Dass jede Gottesgabe in Dir wachse
und mit den Jahren sie Dir helfe,
die Herzen froh zu machen, die Du liebst;

Ø     Dass immer einen wahren Freund Du hast,
der Freundschaft wert, der Dir Vertrauen gibt,
wenn Dir's an Licht gebricht und Kraft;

Ø     Dass Du dank ihm den Stürmen standhältst
und so die Höhen doch erreichst.

Segen:

Lied: 257, 1.9 ‚Großer Gott’